Werkstattblog · Stimmung

Die Stimmung nach Kirchhofer

Vor jedem Kauf einer Steirischen steht eine Frage im Raum, die über alles entscheidet: der Klang, der Charakter des Instruments. Der besondere Klang einer Öllerer ist geprägt durch die Stimmung nach Kirchhofer. Kaum dokumentiert, und gerade deshalb so reizvoll: Hinter ihr steckt keine alte Formel, sondern eine Geschichte, die wir euch erzählen wollen.

Werkstatt Freilassing
Der Ursprung

Eine Frage, die alles ins Rollen brachte

Diese Stimmung ist nicht am Schreibtisch erdacht, sondern rein aus der Praxis entstanden – aus dem Ohr. Den Anstoß gab Andreas Salchegger, 1957 in Filzmoos geboren und einer der großen Pioniere der Steirischen Harmonika. Eine schwere Erkrankung ließ ihn als Kind erblinden – und schärfte sein Gehör auf eine Weise, von der die meisten von uns nur träumen können.

Salchegger ging mit einer einzigen Frage zu Hans Kirchhofer, dem Geschäftsführer der Firma Öllerer in Freilassing: Ließe sich die Stimmung der Steirischen näher an die reine, schwebungsfreie Stimmung heranführen? Bis dahin baute Öllerer gleichstufig – so wie praktisch jedes moderne Tasteninstrument. Doch für die Volksmusik, war Salchegger überzeugt, klingt die reine Stimmung schlicht schöner.

Aus dieser Frage wurde ein langer Weg des Ausprobierens. Am Ende stand jenes System, das heute den Namen Kirchhofer trägt und seit rund zwei Jahrzehnten in den meisten Öllerer-Instrumenten steckt.

Der Kern

Der Trick mit der Terz

Hört man genau hin, merkt man schnell, woran es bei der gleichstufigen Stimmung in der Volksmusik manchmal hakt: an der Terz. Die gleichstufige große Terz liegt rund 13,7 Cent zu hoch, verglichen mit der reinen, schwebungsfreien Terz – und klingt dadurch ein wenig scharf. Bei der Quint ist der Unterschied mit etwa 2 Cent so klein, dass man ihn getrost vernachlässigen kann.

Genau hier setzt die Stimmung an. Die große Terz auf Balgdruck – der Dur-Dreiklang, der in jeder Reihe auf Druck liegt – wird abgesenkt. Anfangs ging man vorsichtig vor und senkte nur ein kleines Stück; mit der Zeit hat man sich an die heutigen Werte herangetastet, etwa –6 bis –11 Cent. Wie weit genau, hängt von der Tonhöhe ab: Tiefe Töne verträgt man etwas höher (rund –6 Cent), höhere Töne muss man weiter absenken, damit der Effekt wirklich trägt.

Damit rückt man ein Stück von der Gleichstufigkeit weg, hin zur reinen Stimmung – ohne sie ganz zu erreichen.

13,7 ct
gleichstufige Terz zu hoch
–6 bis –11 ct
Absenkung auf Druck
Ein Mittelweg, gewachsen aus dem Ohr und nicht aus dem Lehrbuch.
Die Handarbeit

Warum das echte Handarbeit ist

Das eigentlich Feine steckt im Detail. Die Grundtöne, die exakt auf ihrer Frequenz sitzen sollen, werden so gestimmt, dass sie mit derselben Frequenz schweben wie die Grundschwebung des Instruments. Der kleine Restfehler, der beim Stimmen immer übrig bleibt, verschwindet so unter dieser Grundschwebung. Man stimmt also nicht stur nach dem Gerät, sondern nach der Schwebungsgeschwindigkeit.

Das ist Aufwand, und zwar erheblicher. Bei Öllerer kann der Kunde zwischen acht Schwebungsstufen wählen – neun, wenn man „keine Schwebung“ mitzählt – und jedes Instrument wird einzeln gestimmt. Rund anderthalb Tage dauert das pro Harmonika. In der Massenfertigung ist man in etwa anderthalb Stunden fertig. Der Unterschied sagt eigentlich schon alles.

1,5 Tage
Stimmen pro Harmonika
1,5 Std.
in der Massenfertigung
8 (+1)
Schwebungsstufen wählbar
Zug & Druck

Warum Zug und Druck unterschiedlich klingen

Ein Punkt liegt mir besonders am Herzen, weil er so klug gedacht ist: Auf Balgzug hat man bewusst nichts verändert. Dort bleibt alles gleichstufig. Das klingt zunächst widersprüchlich, hat aber einen guten Grund.

Die gleichstufigen Intervalle sind nicht schwebungsfrei und damit etwas schärfer – und genau das verstärkt den Dominanteffekt. Die häufigste Wendung in der ganzen Volksmusik ist der Wechsel von der fünften Stufe auf Zug zur ersten Stufe auf Druck. Wird nun der eine Akkord „verschärft“ und der andere „verschönert“, verdoppelt sich die Wirkung dieser Auflösung beinahe: Der Schluss klingt rund und harmonisch, die Dominante drängt hörbar weiter.

Eine schöne Nebenwirkung: Vermeintlich gleiche Akkorde klingen auf Zug und Druck unterschiedlich. Salchegger hat das in seinen Bearbeitungen geliebt – gerade bei ruhigen Weisen und Jodlern hat er denselben Akkord absichtlich in verschiedene Balgrichtungen gelegt, um, wie er sagte, etwas mehr Farbe ins Stück zu bringen.

Hörst du’s, des is a Öllerer.
Stärken & Grenzen

Was die Stimmung kann – und wo sie an Grenzen stößt

Der größte Vorzug liegt auf der Hand: Diese Stimmung ist für die Volksmusik gemacht – für den Boden also, aus dem die Steirische überhaupt erst gewachsen ist. Die erste Stufe, auf der ein Stück immer endet, klingt schön und rund; die fünfte Stufe als Gegenstück wirkt schärfer und auflösungsbedürftig. Wer so spielt, hebt sich klanglich deutlich ab.

Ganz ehrlich bin ich aber auch bei der Kehrseite. Sie hängt damit zusammen, wie sich das Repertoire entwickelt: Die Spielerinnen und Spieler werden besser, die Literatur anspruchsvoller, und man spielt immer öfter reihenübergreifend statt in einer einzigen Reihe. Da hier aber Reihe für Reihe gestimmt wird, entstehen Spannungsfelder.

Ein Beispiel: gleicher Ton, andere Aufgabe. In der ersten Reihe ist ein bestimmter Ton die Quint – gleichstufig, also 0 Cent. In der vierten Reihe ist derselbe Ton die Dur-Terz, um sechs bis zehn Cent abgesenkt. Das ergibt einen hörbaren Unterschied von mindestens sechs Cent.

Noch heikler wird es, wenn man einen Ton, der als Dur-Terz gedacht ist, plötzlich als kleine Terz verwendet. Eine reine kleine Terz liegt rund 15,6 Cent über dem gleichstufigen Intervall – im Extremfall summiert sich das auf bis zu 30 Cent Unterschied. Damit ist die Grenze zum Achtelton längst überschritten.

≥ 6 ct
gleicher Ton, andere Reihe
bis 30 ct
Terz als kleine Terz (Extrem)
Die Wahl

Für wen sich Kirchhofer lohnt

Wenn mich jemand fragt, sage ich es offen: Die Stimmung nach Kirchhofer ist wie geschaffen für Volksmusikerinnen und Volksmusiker. Die Harmonien klingen hier am schönsten, der Charakter der Steirischen kommt voll zur Geltung, und das Instrument grenzt sich bewusst vom typischen Akkordeonklang ab.

Wer dagegen seinen Horizont erweitern und vermehrt Stücke mit reihenübergreifenden Akkorden spielen will, sollte überlegen, ob nicht ein anderes System – etwa nach Vallotti – besser passt. Am Ende gilt für jede Stimmung dasselbe – und das ist vielleicht der wichtigste Rat überhaupt.

Überlegt euch schon vor dem Kauf, wofür ihr das Instrument wirklich braucht.

Dieser Beitrag erzählt Geschichte und Hintergründe der Kirchhofer-Stimmung, wie sie in der Diplomarbeit „Stimmungssysteme der Steirischen Harmonika“ von Wolfgang Schönleitner (Anton Bruckner Privatuniversität Linz, 2012) festgehalten sind. Die fachlichen Angaben gehen wesentlich auf Gespräche mit Dipl.-Ing. Christian Amon (Öllerer Harmonikabau, Freilassing) zurück.