Kapitel 1
Die Stellung der diat. Harmonika in der Volksmusik

Kapitel 2
Instrumentenentwicklung

Kapitel 3
3. Drei Persönlichkeiten, die das Harmonikaspiel wesentlich geprägt haben

Kapitel 4
4. Eine methodische Hilfestellung für den Harmonikaunterricht

Kapitel 5
Verzeichnis der Hörbeispiele

Kapitel 6
Literaturverzeichnis

Kapitel 7
Der Author

 
 
   
   
  3. Drei Persönlichkeiten, die das Harmonikaspiel wesentlich geprägt haben.

3.3. Häusler Matthias Matthias Häusler

wurde am 12. März 1938 in Karlstein bei Bad Reichenhall geboren. Am gleichen Tag konzentrierten sich in diesem bayerisch-salzburgischen Grenzgebiet die deutschen Truppen, um auf Befehl Adolf Hitlers den Einmarsch in Österreich zu vollziehen. Er kam als viertes Kind und einziger Sohn seiner Eltern Matthias Häusler und Anna Häusler geb. Fürst in der Seebachmühle zur Welt. Die Mühle war im verwandtschaftlichen Besitz und hatte vor mehr als hundert Jahren einem berühmten Paar kurzfristig Dach über dem Kopf geboten: Richard und Cosima Wagner. Mittlerweile ist das Geburtshaus von "Hias", wie ihn alle Bekannten und Freunde nennen, der Spitzhacke zum Opfer gefallen. Die Erinnerungstafel an die prominenten Übernachtungsgäste, die an der Hauswand angebracht war, ist heute im Heimatmuseum von Bad Reichenhall ausgestellt.

Hias Häusler wurde die Musikalität sozusagen in die Wiege gelegt, denn "G'sunga ham alle", erinnert er sich an seine musikalische Familie: an Vater Matthias, der als Holzknecht beim Forstamt arbeitete und 1943 in Stalingrad sein Leben lassen mußte, war auch Schuhplattler beim Trachtenverein und spielte, wie Hias erzählte "nur" Mundharmonika, an seine Mutter Anna (geb. Fürst von der Pension Villa Centa in Bayrisch Gmain) und an seine drei Schwestern Evi, Annerl und Maria.

1946 wurde er Mitglied des Trachtenvereines "Alt-Reichenhaller", lernte dort das Schuhplatteln und machte die erste Bekanntschaft mit einer Diatonischen Harmonika. "Es war eine echte, alte Hlavacek Ziachmusi, die dem Trachtenverein gehörte. Die Luft ist ihr überall ausgegangen und sie war furchtbar verstimmt" erinnert sich der Hias.

Nachdem dieser Verein aus vereinsinternen Gründen aufgelöst wurde, gingen Hias und seine Schwester 1948 zum Trachtenverein "D'Saalachtaler", dem zweiten Trachtenverein in Bad Reichenhall. Dieser Verein hatte damals schon eine eigene 2 ½-reihige Hohner-Harmonika. "So mit ca. neun Jahren habe ich dann zum ersten Mal ganz heimlich probiert, was außageht", kramt Hias in Erinnerungen.

Fast zum gleichen Zeitpunkt machte er eine Bekanntschaft mit einer diatonischen Harmonika aus der Steiermark. Seine Schwestern waren mit den Mitgliedern der Trachtenvereine aus Jettenberg und Piding über das Wochenende auf eine Alm gegangen. Da die Pidinger auch eine Harmonika hatten, und man nicht zwei Harmonikas mitschleppen wollte, blieb eine bei den Häusler's zuhause. "Zwei Tage volle Beschäftigung, aus dem Instrument etwas herauszubringen" erzählte der Hias und es gelang ihm auch. Es handelte sich um das Lied "O wia schön is's Gebirg".

Er mußte dies allerdings geheimhalten, denn es war seiner Mutter aufgetragen worden, daß dieses Instrument niemand anrühren dürfe. Er erlernte dann auf der 2 ½-reihigen Harmonika der "Saalachtaler" nach und nach die Schuhplattler und als man sah, daß der "Hiasi" fleißig übt, bekam er diese Harmonika zum ersten Mal mit nach Hause. Beim Üben hörte und beobachtete ihn dann seine Oma und sie kaufte ihm 1953 die erste Harmonika. "Es war eine dreireihige Hohner in der Stimmung C-F-B und ich war das erste Mal seelig" erzählt der Hias.

Das zweite Instrument kaufte er sich als Lehrling um 80 DM. (Das waren damals zwei Monatslöhne.) Weitere 80 DM mußte er in die Reparatur dieses Instrumentes stecken. Diese kostspielige Investition lohnte sich aber, denn die "Ziach" wurde tonangebend im Leben des Speditionskaufmannes, der 21 Jahre in einer Bad Reichenhaller Spedition arbeitete und 1975 ins Lagerhaus Piding bzw. Anger wechselte.

Diese Harmonika war sehr praktisch, weil sie relativ klein war und in jeden Rucksack paßte. Der Hias war nämlich am Wochenende immer mit seinen Freunden in den Bergen, und im Winter beim Schifahren, unterwegs und spielte damals schon die Stücke seiner Vorbilder, die er großteils vom Radio kannte. Es handelte sich um das aus dem Mürztal (Steiermark) stammende Edler-Trio. Dieses Trio prägte die Besetzung Harmonika, Klarinette und Posaune ganz wesentlich. Man muß hierbei anmerken, daß dieses Trio ebenfalls ein großes Vorbild von Toni Mooslechner undauch von mir ist und war.

1958 gründete er die Reiteralmer Tanzlmusi. Der Grenzberg zwischen Bayern und dem Mitterpinzgau gab dieser Besetzung, die zu fünft oder zu sechst musizieren, den Namen.

Durch sein Musizieren und Bergsteigen gewann der Hias "herent und drent", also in Salzburg und Bayern, sehr viele Freunde. So lernte er auch die Gföller Musikanten aus Unken (Saalachtal) kennen. In Unken war Forstmeister Georg v. Kaufmann beim bayerischen Forstamt tätig. Dieser hielt damals schon für die Mitglieder des Trachtenvereins Volkstanzkurs ab. Der Hias unterstützte den "Schorsch" dann musikalisch, so daß sich dieser auf das Tänzerische konzentrieren konnte.

Dieser Georg v. Kaufmann prägte auch den Ausspruch: "Mit der Ziehharmonika in den Händen ist man doch wer! Man verfügt über ein ganzes Orchester, vom höchsten Fistelton bis zum durchdringenden Baß, und man setzt sich auf dem Tanzboden, beim Umzug auf der Straße sie auch auf der Almhütte über allen Lärm hinweg durch.1"

Er spricht damit die Lautstärke der Harmonika an. Es ist wahr, der Spieler kann die Effekte einer Blasmusik allein in seinem Instrument vereinigen: Kräftige zwei- bis dreichörige Töne im Diskant, die sowohl Geige, Trompete oder Klarinette vertreten, tiefe Helikonbässe anstelle der Tuba. Leiter von kleineren Blasmusikbesetzungen bestätigen oft, daß mit der Harmonika Musikanten "eingespart" werden können, nämlich die Nachschlagspieler mit den zumeist tiefen Es-Trompeten.

Der Nachschlag als Typusmotiv:

A Ziachara muaß alle Stimmen spieln können. Wånn oana ausfallt, muaß er weiterspuin", sagte mir der Hias immer wieder.

Damit meinte er auch die verschieden Aufgaben, die ein Harmonikaspieler als Begleiter heute erfüllen muß.

* Unterstützung der Melodiespieler
* akkordische Ausführung rhythmischer Begleitmuster (siehe Abb. 47)
* Füllstimmen
*Bei wechselndem Spiel zwischen Bläsern und Harmonika
  kommt es zur solistischen Ablöse der Melodieinstrumente.
  (Dies dient zum "Ausrasten" der Melodiespieler.)2

Nun wurde der Hias von vielen Einflüssen beeinflußt. "Im Radio hörte man die Lustigen Mittersiller beim Wunschkonzert mit dem Stück Stoanagrabn, am Sender Radio Ljubliana/Maribor hörte man um ½ 5 Uhr früh die Oberkrainer mit dem Trompetenecho, die ersten Noten von Gottlieb Weißbacher und seinen Fidelen Inntalern kamen bei uns an, man hörte Tobi Reiser mit seinen Musikanten, die Lustigen Salzburger, die Rupertiwinkler und aus der Steiermark die Kern Buam und die Pretuler Buam, und, und, und. Jetzt hatte ich, ein nicht notenbeherrschender Harmonikaspieler, die Wahl, sollte ich nun irgendeine Stilrichtung imitieren, oder kann ich meine Spielweise und Mentalität, mit der ich angefangen habe, beibehalten".

Wer den Hias kennt weiß, daß er es in vorbildhafter Weise geschafft hat, eine eigene Stilrichtung zu prägen, die für sehr viele Harmonikaspieler zum Vorbild geworden ist. (Hörbeispiel CD Nr. 15)
Ein weiteres musikalisches Standbein hat Matthias Häusler bei der Gerstreit-Musi, einem Volksmusikquartett in der Besetzung Harmonika, Hackbrett, Gitarre und Kontrabaß, mit dem er seit 1965 zusammenspielt und auch mehrere Plattenaufnahmen machte. Diese Besetzung wurde und wird von vielen Musikanten nachgeahmt und zum Vorbild. 1970 heiratete er Christa Streitl, Die er bei einem Sängertreffen beim Stanglwirt in Going/Tirol kennengelernt hatte.

Viel Zeit widmet der "Hias" auch der Nachwuchsarbeit. Mittwochabend ist für den Unterricht reserviert. "Da sind schon viele außakemma", vermerkt er nicht ohne Stolz. Ebenso, wie Toni Mooslechner, unterrichtet er im Sommer bei den Salzburger Brauchtumswochen.

Den Leit'n Toni kennt er schon seit zwanzig Jahren. Ich habe ihn im Radio gehört und dachte mir: "Den möchte ich kennenlernen".

Wie eingangs schon erwähnt, kommt der "Hias" vom Gesang. Dies ergab, daß einige Gesangsgruppen durch ihre drei- und vierstimmigen Lieder auch seine Spielweise prägten. Man kann bei seinen Musikstücken, besonders bei den Ländlern, feststellen, daß immer irgend ein Volkslied oder Jodler mitklingt.
Matthias Häusler beschäftigt sich, zum Unterschied von Toni Mooslechner, ausschließlich mit echter Volksmusik, ist zu keinen musikalischen Kompromissen bereit und versucht, um den Kommerz einen großen Bogen zu machen. "I bin halt a eing'nahter Hund." Einer, der unbeirrbar seinen Weg geht und für seine Bemühungen gemeinsam mit Toni Mooslechner den Tobi Reiser Preis 1994 erhielt.

Verzeichnis der Tonträger:

Über d'Reiteralm
Hias und Kastulus MC

D'Reiteralmer Tanzlmusi spielt auf
MC

Bairisches Spectaculum
u. a. Gerstreit-Musi MC

Bairische Lieder, Jodler und Weisen
Gerstreit-Musi CD/MC

Musi und G'sangl
Gerstreit-Musi CD/MC

A lustige Musi
Gerstreit-Musi CD/MC
  1Kaufmann, Georg von, Kleine Ehrenrettung für die
  Ziehharmonika: In Sänger- und Musikantenzeitung, 4. Jg., S. 42.
2 Neumüller, Wolfgang Das Akkordeon und die Volksmusik: In SMZ, 30. Jg. S. 214